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Zweck und Anliegen des Forschungsverbundes Religion und Konflikt

Die „Rückkehr der Religionen“ in die politische Arena ist in aller Munde, vor allem seit dem 11. September 2001. Ebenso leichtfertig wird oftmals von einem „Zusammenprall“ oder gar „Kampf der Kulturen“ geredet, wie ihn der amerikanische Wissenschaftler Samuel Huntington prognostizierte. Ob diese Thesen so zutreffen, ist durchaus fragwürdig. Außer Frage steht jedoch, dass die Wahrnehmung und Betrachtung der Religionen im öffentlichen Diskurs zugenommen hat. Dies gilt insbesondere für die Rolle von Religionen in politischen Konflikten. Die Wissenschaft in Deutschland, auch die Friedens- und Konfliktforschung, hinkte der verstärkten öffentlichen Perzeption allerdings hinterher.
Religion wurde lange Zeit nicht als wesentlicher Faktor von Konflikten und noch viel weniger von Friedensprozessen betrachtet. Zu sehr waren viele noch dem Glauben an eine Säkularisierung der Gesellschaft verhaftet, durch die Religion letztlich verschwinden oder zumindest gesellschaftspolitisch irrelevant würde. Nur vereinzelt gab es dazu Forschungsprojekte, die aber oftmals nicht voneinander wussten. Es fehlte an wissenschaftlicher Aufmerksamkeit, an Vernetzung und Austausch. Um solche Defizite hinsichtlich der wissenschaftlichen Untersuchung von Religionen in politischen Kontexten zu beseitigen, initiierten die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft FEST (Heidelberg), die Deutsche Stiftung Friedensforschung DSF und der Verband der Evangelischen Akademien in Deutschland EAD einen bundesweiten Forschungsverbund Religion und Konflikt, der sich im Jahr 2006 konstituierte.

Neben kirchlichen Akademien beteiligen sich mittlerweile bereits rund 40 Wissenschaftler/innen aus universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen; der Arbeitsbereich Frieden/Nachhaltige Entwicklung der FEST (namentlich Dr. Markus Weingardt) hat die Koordination des Forschungsverbundes übernommen. Alle beteiligten Forschungsprojekte und Institutionen setzen sich dezidiert mit der Thematik ‚Religion und Konflikt/Frieden’ auseinander und orientieren sich an der gemeinsamen Leitfrage: Unter welchen Bedingungen, auf welche Weise und mit welcher Wirkung tragen welche religiösen Akteure, Strukturen, Motive, Traditionen, Überzeugungen, Situationsdeutungen oder Handlungen zum Ausbruch bzw. zur Eskalation politischer Gewaltkonflikte oder aber zu deren Beilegung bzw. Entschärfung bei?

Die Projekte aus den verschiedensten Disziplinen – gegenwärtig vor allem aus Theologie, Religionswissenschaft, Islamwissenschaft und Politikwissenschaft – beschäftigen sich dabei mit unterschiedlichen Regionen, Konflikten, Kontexten, Akteuren und Religionsgemeinschaften. Sie bedienen sich verschiedener wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden und sind diesbezüglich keinerlei Vorgaben unterworfen. Vielmehr soll der Austausch gerade über und durch die Unterschiedlichkeit der Themen wie auch der methodischen Zugänge die eigene wissenschaftliche Arbeit anregen, sie befruchten und die Vielschichtigkeit der Thematik über die eigene Disziplin hinaus bewusst machen.

Darum ist es auch das primäre Anliegen des Forschungsverbundes, das formale und inhaltliche Kommunikationsdefizit zwischen themenbezogenen Forschungsprojekten in der deutschen Wissenschaftslandschaft abzubauen. Dies soll sowohl die Untersuchung des Friedens- und Konfliktpotentials von Religionen als auch den Transfer der Forschungsergebnisse fördern. Konkret bedeutet dies unter anderem:

- Nationale (und internationale) Erfassung und Vernetzung von möglichst vielen aktuellen Forschungsprojekten zu Religion und Konflikt

- Förderung des inter- bzw. multidisziplinären Austauschs und der Kooperation durch Arbeitsgruppen und jährliche Fachtagungen

- Förderung zukünftiger Forschungsarbeiten zu Religion und Konflikt durch forschungspolitisches und öffentliches Auftreten als Forschungsverbund, durch Kommunikation und Informationsaustausch, durch Akademie-Arbeit und evtl. durch Publikationen

- Unterstützung von Forschungsanträgen durch die Möglichkeit der Einbettung derselben in den Kontext bzw. in Arbeitsgruppen des Forschungsverbundes

- Beratung und Unterstützung von kirchlichen, wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Institutionen des Wissenstransfers bei Veranstaltungen oder bei der Suche nach Referenten u.a.m.


Neben der genannten Leitfrage haben sich die Mitglieder des Forschungsverbundes in ihren Leitlinien auch auf einige wenige inhaltliche Eckpunkte verständigt, die für alle beteiligten Forschungsprojekte gelten sollen. So richtet sich der Fokus der Fallstudien in der Regel auf politische Gewaltkonflikte von überkommunalem Ausmaß, also von internationaler, nationaler oder zumindest regionaler Bedeutung (etwa zwischenstaatliche Kriege, Bürgerkriege oder Widerstand gegen herrschende Regime). Ebenso wird die Anerkennung einer Ambivalenz von Religion – also ihr Potential, ebenso friedenstiftend wie konfliktverschärfend wirken zu können – vorausgesetzt. Dabei besteht ein ganz besonderer Forschungsbedarf hinsichtlich des Friedenspotentials von Religionen, d.h. solcher religiösen Ressourcen, die zur Verhinderung oder Beilegung von Gewaltkonflikten mobilisiert werden können. Die Untersuchung politisch wirksamer religionsbasierter Friedenspotentiale wurde bislang extrem vernachlässigt. Wie in den Massenmedien, so richtete sich auch das wissenschaftliche Interesse weitgehend auf das Gewaltpotential von Religion, wie es in den Stichworten Heiliger Krieg, Fundamentalismus oder Extremismus und in Selbstmordattentaten zum Ausdruck kommt. Besonders – aber nicht nur – im Blick auf den Islam wird vielfach offen oder subtil mit Vorurteilen und Verallgemeinerungen argumentiert, in Gesellschaft und Politik ebenso wie in Medien und Wissenschaft, und nicht zuletzt auch in den Religionsgemeinschaften selbst. Hier herrscht großer (Nachhol-) Bedarf nach der Identifikation religionsbasierter Friedensakteure und Friedenstraditionen sowie nach der Analyse religiös motivierter Deeskalationsstrategien einschließlich ihrer (insbesondere theologischen) Begründung – ein Bedarf, den die Forschung bislang nicht befriedigen kann.